Wolfgang Hilbig

Foto: Rüdiger Buhl


  • geboren 1941 in Meuselwitz bei Leipzig, gestorben 2007 in Berlin
  • Lehre als Bohrwerkdreher
  • 1979 Lyrikseminar für Arbeiter in Leipzig
  • 1978/79 Verlagskontakte in die BRD für ersten Gedichtband führen zur Festnahme und Bestrafung wegen Devisenvergehens
  • 1979 erster Gedichtband »Abwesenheit«
  • seit 1979 freier Schriftsteller
  • 1982 erster Prosa-Band »Unterm Neomond«
  • 1985 Umsiedlung in die BRD
  • 1989 erster Roman »Eine Übertragung«
  • 2001 erscheint letzter Gedichtband »Bilder vom Erzählen«
  • 2002 Georg-Büchner-Preis

Wolfgang Hilbig: Bilder vom Erzählen

Foto: Jens Tremmel, Marbach

Gregor Laschen
VOKABULAR DES TRAUMBUCHS

Im Gleichnis vom antiken See- und Irrfahrer Odysseus tritt uns in diesen 30 Gedichten, gleichwohl in ein TextGanzes komponiert, ein Selbstportrait des Autors (in der Moderne) entgegen, alle Facetten der in den früheren Bänden aufgerufenen Themen im Spannfeld von Gesellschaft-Literatur und Ich aufnehmend, bilanzierend und bitter am Ende: Nun bin ich alt und in den Staub geworfen. Es ist in der Tat keine (Selbst-) Feier des bislang Erkannten, Erreichten, die Brüchigkeit des Provisoriums Da-Sein erscheint in trüber Beleuchtung. In oft hohem Ton, gelegentlich ein fernes hölderlinsches Echo aufnehmend, geschlagen mit Fremdheit, berichten, beklagen diese Gedichte in singenden Bildern der Unruhe, der Schlaflosigkeit, einer überdrehten Müdigkeit und verzweifelten Schattendeutung den Weg des Reisenden in die Irre, ins Scheitern, in die Einsamkeit, in den Untergang: hier wo das Selbstbewußtsein der Moderne sich am radikalsten artikuliert, besteigt dies Ich noch einmal Rimbauds bateau ivre, das trunkne Boot, mit dem Wissen des historisch später Kommenden – diese Maskierung ist ihm vertraut -, daß das Ziel immer in der Irrfahrt liegt, Wiederholung, wenn auch auf besondere Art notwendige Wiederholung ist:

O diese langen Traditionen der Dämmerung
am Ende der Neuzeit –
dereinst von Gott gesetzt in die großen Häfen der Welt -
sie sind noch immer haltbar: doch ohne Grund an diesem Ende ohne
Gewicht und Ziel.

Die Risse und Brüche und Verwerfungen, die wir in diesem dichterischen Ton von Anfang an spüren, resultieren nicht unwesentlich aus dem Zusammenprall heutiger Denk- und Sprechbilder mit dem Vokabular des Traumbuchs und seinem betörenden Klang. Immer da, wo es gelingt, den Riß, den Bruch zu bewahren, wo das Fremde ins Eigene eingeschrieben werden kann, ohne es zu verdecken, treffen wir auf das Gedicht, von dem, wir wissen das ja, es in Wahrheit nur wenige gibt.
Erlauben Sie mir zur Verdeutlichung die Berufung auf eine Formulierung Heinrich von Kleists, den ich in mancher Hinsicht auch an der Seite Hilbigs sehe: am 29. Dezember 1810 ist in den Berliner Abendblättern in einer Rezensions-Ankündigung (es ging um Achim von Arnims gerade erschienenen Text Halle und Jerusalem) zu lesen:

Alles Vortreffliche führt etwas Befremdendes mit sich, am meisten in Zeiten, wo die Wunder der Poesie der großen Mehrzahl der Menschen auf Erden fremd geworden sind.

(Aus: Gregor Laschen, Laudatio auf Wolfgang Hilbig, 3.4.2002)